Rückblenden richtig einsetzen

Vor Kurzem habe ich mein Manuskript von Testlesern lesen lassen. Kurz darauf habe ich nach einer Lektorin gesucht und vorab ein paar Probeseiten verschickt. Dabei gab es unterschiedliche Meinungen zu einer längeren Rückblende (etwa eine Seite), die ich auf den ersten Seiten eingebaut hatte.

Eine Testleserin fühlte sich dadurch aus dem Lesefluss gerissen, die anderen Testleser haben sie dagegen gar nicht kommentiert. Sowohl diese Testleserin als auch eine Lektorin wollten die Rückblende komplett ins Plusquamperfekt setzen. Die zweite Lektorin wollte sie zwar nicht umschreiben, dafür aber löschen oder an eine andere Stelle verschieben.

Ich habe mich gefragt: Was ist nun richtig?
Deshalb habe ich mir das Thema einmal genauer angeschaut.

Wann werden Rückblenden eingesetzt und wozu?

Rückblenden können sich auf einen kurzen Abschnitt der Haupthandlung beziehen oder sogar aus eigenen, abgeschlossenen Kapiteln bestehen. Handelt es sich um ganze Kapitel, können diese durch eine Jahreszahl oder ein Datum am Kapitelanfang kenntlich gemacht werden.

Werden Rückblenden in die Haupthandlung eingestreut, sollte das immer einen guten Grund haben. Oft dienen sie dazu, eine Figur und ihre Handlungen besser zu verstehen. Um ihre Beweggründe nachvollziehen zu können, werfen wir einen Blick in ihre Vergangenheit.

Die Rückblende ist ein literarisches Mittel. Gut eingesetzt, kann sie eine Geschichte spannender machen. Schlecht eingesetzt hält sie dagegen die Haupthandlung auf und unterbricht den Lesefluss. Worauf sollte man also achten, wenn man eine Rückblende einsetzen möchte?

  • Die Rückblende muss klar erkennbar sein. Nicht nur durch einen einleitenden Satz, sondern auch durch eine andere Zeitform. Außerdem braucht sie einen Auslöser – also eine logische Erklärung, warum gerade jetzt eine Erinnerung einsetzt. Das können zum Beispiel Gerüche, Geräusche oder Gegenstände sein, die die Figur an etwas Vergangenes erinnern. Das können Lesende gut nachvollziehen, da es uns im Alltag oft genauso geht.
  • Auch der Ausstieg aus der Rückblende sollte deutlich sein. Der Lesende muss erkennen, dass die Handlung wieder in der Gegenwart angekommen ist. Zum Beispiel wird die Figur aus ihren Gedanken gerissen oder legt den Gegenstand, der die Erinnerung ausgelöst hat, wieder an seinen Platz.

In welcher Zeitform wird die Rückblende geschrieben?

Wird die Haupthandlung hingegen im Präteritum erzählt, beginnt die Rückblende im Plusquamperfekt. Hier spielt die Länge der Rückblende eine wichtige Rolle. Geht sie über mehrere Sätze, entstehen schnell die unschönen „Hatte-Sätze“. Das liest sich oft nicht besonders elegant. Deshalb ist eine gute Einführung in die Rückblende wichtig. Die ersten ein bis zwei Sätze können im Plusquamperfekt stehen. Danach darf im Präteritum weitererzählt werden, sofern dem Lesenden klar ist, dass er sich in der Vergangenheit der Figur befindet.

Ein Beispiel:

Lukas stellte die Kiste auf den Dachboden und strich den Staub von den Händen. Als er das alte Foto sah, musste er lächeln. Vor zehn Jahren hatte er dieses Bild während eines Schulausflugs gemacht. Er hatte damals zum ersten Mal eine richtige Kamera bekommen. Er hatte sie wochenlang ausprobiert und hatte jede Kleinigkeit fotografiert. Seine Freunde hatten über seinen Eifer gelacht, aber sie hatten sich später gerne die Bilder angesehen. Am Ende des Ausflugs hatte er beschlossen, Fotograf zu werden. Er steckte das Foto zurück in die Kiste und stieg die knarrende Treppe hinunter.

Im Vergleich zu einer Rückblende die als solche eingeführt wird und dann im Präteritum weiter geht:

Lukas stellte die Kiste auf den Dachboden und strich den Staub von den Händen. Als er das alte Foto sah, musste er lächeln. Vor zehn Jahren hatte er dieses Bild während eines Schulausflugs gemacht. Damals bekam er zum ersten Mal eine richtige Kamera. Er probierte sie wochenlang aus und fotografierte jede Kleinigkeit. Seine Freunde lachten über seinen Eifer, sahen sich später aber gerne die Bilder an. Am Ende des Ausflugs beschloss er, Fotograf zu werden. Er steckte das Foto zurück in die Kiste und stieg die knarrende Treppe hinunter.

Hier ist gut zu erkennen, wie holprig sich das Plusquamperfekt liest, wenn es in der ganzen Rückblende angewendet wird.

Tipps, wenn man Rückblenden einbauen will

Ob man eine Rückblende einsetzt, ist jedem selbst überlassen, aber es gibt noch ein paar wichtige Punkte, die man beachten sollte:

  • Rückblenden möglichst nicht direkt am Anfang der Geschichte einsetzen. Der Lesende muss sich zunächst orientieren: Worum geht es? Wo befindet er sich? Wer ist die Hauptfigur?
  • Keine Rückblende einbauen, wenn die Handlung gerade besonders spannend ist.
  • Rückblenden spannend und aktiv gestalten.
  • Rückblenden nur einsetzen, wenn sie die Handlung oder die Figurenentwicklung tatsächlich voranbringen.
  • Rückblenden nicht als Infodump nutzen. Natürlich vermitteln sie Informationen über Figuren oder Ereignisse. Diese Informationen sollten aber organisch eingebunden werden und nicht nur deshalb auftauchen, weil man noch etwas erklären möchte.
  • Minirückblenden vermeiden. Beim Schreiben der Rohfassung kommen einem oft spontane Einfälle, die man schnell noch einfügt. Das ist völlig in Ordnung. Bei der ersten Überarbeitung sollte man jedoch prüfen, ob diese Informationen nicht eleganter in die laufende Handlung integriert werden können.

Z.B.:
Anna riss die Haustür auf und stürmte hinaus. Sie musste den Zug erwischen. Gestern hatte sie übrigens ihren Schlüssel verloren, weshalb sie heute den Ersatzschlüssel dabeihatte. Sie rannte die Straße entlang und sah den Bus davonfahren.

Sortiert könnte man schreiben:
Anna zog den Ersatzschlüssel aus der Tasche und schloss die Haustür ab. Seit sie gestern den eigentlichen Schlüssel verloren hatte, fühlte sich jeder Handgriff umständlicher an. Sie steckte den Schlüssel ein und rannte los. Sie musste den Zug erwischen.

Pro RBKontra RB
Gut eingesetzt, kann es für Spannung sorgen, sodass der Lesende wissen will, wie es weiter gehtErzählstruktur wird zu stark aufgebrochen, man wird zu stark aus der Haupthandlung herausgerissen
Fragen sofort beantwortet zu bekommen, sorgt nicht immer für SpannungRückblenden liefern unnötige Psychologisierung
Sie können durch neue Informationen (gut eingestreut wir ein Gewürz) neuen Fragen aufwerfen und für Spannung sorgenInfodump
Rückblenden können dazu dienen dem Lesenden mehr Wissen über die Figuren und deren Beweggründe zu vermitteln. Manchmal kann der Lesende sogar einen Wissensvorsprung haben –> daraus entsteht Spannung, aus den Fragen, die wir uns als Lesende stellen: Wann und wie finden die Figuren endlich heraus was ich schon weiß?

Fazit

Was habe ich nun am Ende mit meiner Rückblende gemacht? Mich persönlich hat sie am Anfang der Geschichte nicht gestört, aber ich habe den Einwand verstanden. Da ich sie nicht streichen wollte, denn sie war wichtig für zwei Figuren und deren Beziehung zueinander, habe ich sie an anderer Stelle eingefügt. Die zeitliche Form habe ich dabei angepasst und das Plusquamperfekt nur am Anfang und am Ende der Rückblende verwendet. Außerdem habe ich darauf geachtet, verständlich in die Rückblende einzuführen.

Eine Rückblende vollständig im Plusquamperfekt zu schreiben, ist nicht falsch. Grammatikalisch ist das sogar korrekt. Bei längeren Rückblenden ist diese Schreibweise heute jedoch kaum noch üblich. Stattdessen wechseln viele Schreibende nach der Einführung ins Präteritum, da sich das flüssiger liest und den Lesefluss weniger stört.

Wie oft und an welchen Stellen ihr dieses Stilmittel einsetzt, bleibt natürlich euch überlassen. Trotzdem sollte man sich immer fragen, wie wichtig die Rückblende an dieser Stelle ist und ob sie die Geschichte wirklich voranbringt. Wenn ja, kann sie ein wertvolles Werkzeug sein und eure Geschichte sogar noch spannender machen.

Wenn du unsicher bist, ob deine Rückblenden funktionieren, kann ein professioneller Blick von außen helfen. In meinem Romanlektorat unterstütze ich Autorinnen dabei, ihr Manuskript zu überarbeiten und ihre Geschichte noch stärker zu machen. Melde dich gerne bei mir, und wir schauen gemeinsam, was gut zu dir und deinem Roman passt.

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