Keine Sorge, es ist kein Verbrechen und völlig normal, am Anfang klassische Fehler zu begehen. Wie heißt es so schön: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen! Und mit jedem Roman und jeder Korrektur lernen wir dazu.
Als Lektorin sehe ich bestimmte Fehler jedoch häufiger, bei mir selbst und auch bei meinen Autorinnen. Diese „Fehlerchen“ möchte ich euch kurz vorstellen. Vielleicht erkennt ihr euch ja wieder oder seid vorgewarnt.
1. ich sah, ich hörte, ich spürte
Diese Wörter habe ich in meinem ersten Roman besonders gerne benutzt und auch heute muss ich aufpassen, dass die Charaktere nicht zu viel „spüren“. Aber was ist hier das eigentliche Problem? Wenn wir zu oft schreiben „sie sah“ dann distanzieren wir uns oft von unserem Charakter und somit wird auch der Lesende nicht nah genug herangelassen. Wir sollten also unserer Figur nicht beim Wahrnehmen zuschauen, sondern die Zuschauer direkt hineinwerfen.
Ein Beispiel:
Ich sah den alten Mann am Fenster stehen. Ich hörte, wie der Regen gegen die Scheibe prasselte. Ich spürte, wie meine Hände zitterten.
Kürzen wir das Ganze ein, klingt es gleich viel näher:
Der alte Mann stand am Fenster. Regen prasselte gegen die Scheibe. Meine Hände zitterten.
Natürlich ist „sie sah“ grundsätzlich nicht falsch, manchmal sogar notwendig zum Beispiel:
„Ich sah ihn zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder.“
Hier geht es auch um die emotionale Bedeutung und nicht nur um die optische Wahrnehmung.
Achtet also auf Filterwörter: sehen, hören, fühlen, bemerken, erkennen, merken.
Auch Alltagsverben wie gehen, machen, haben, sein. Diese Wörter haben ebenfalls ihre Berechtigung, aber wir sollten sie nicht zu inflationär benutzen, das kann den Lesefluss beeinträchtigen und die Lesenden schnell ermüden. Schreibende denken oft, jede Bewegung muss beschrieben werden, dabei ist hier die Frage eher: Wie bewegt sich die Figur und warum?
Zum Beispiel erzählt der Satz „Er ging zum Auto, stieg ein und fuhr los“ sehr wenig über die Person. Anders ist es, wenn wir dem Ganzen eine Bedeutung geben: „Er blieb vor dem Auto stehen. Seine Hand lag bereits auf dem Türgriff, doch er öffnete die Tür nicht. Erst als das Licht im Fenster erlosch, stieg er ein und fuhr los.“
Hier erkennt man das die Figur sich Gedanken macht um diejenige, die das Licht ausmacht.
Denke also darüber nach, wie du die Distanz zu deiner Figur auflöst und ob es sinnvoll ist jede Bewegung zu beschreiben.
2. Lieblingsfüllwörter
Natürlich hat jeder so seine Lieblingswörter. Jedenfalls sind sie bei mir am Anfang sehr häufig vorgekommen. In Manuskripten laufen sie mir immer wieder über den Weg.
Jeder, der schreibt, hat sie, zumindest am Anfang. Und da sie uns so liebgewonnen sind, wird man sie auch schwer wieder los. Oft bemerkt man es gar nicht, bis man darauf aufmerksam gemacht wird. Grundsätzlich sind diese Wörter nicht schlimm. Sie erfüllen einen Zweck und haben an manchen Stellen eine ganz bestimmte Wirkung. Manchmal entsteht durch sie sogar der entscheidende Unterschied. Aber wie alles, sollten sie gezielt und nicht gehäuft eingesetzt werden.
Eine einfache Möglichkeit, sie in Zaum zu halten, ist die Suchfunktion im Dokument zu nutzen und das geliebte Füllwort einzugeben. Auf einen Blick sieht man, wie oft es im Text vorkommt.
Und jetzt die schlechte Nachricht: Jeder Satz sollte überprüft werden, denn oft sind unsere heißgeliebten Füllwörter unnötig. Funktioniert der Satz auch ohne sie? Dann streiche sie. Verliert er dadurch die Nuance oder die Bedeutung, die du ihm geben wolltest? Dann behalte sie.
Ein Beispiel:
„Eigentlich war der Staubsauger nicht mehr wirklich zu gebrauchen.“
zu:
„Der Staubsauger war nicht mehr wirklich zu gebrauchen.“
zu:
„Der Staubsauger war nicht mehr zu gebrauchen.“
Füllwörter schwächen Aussagen ab, das ist nicht immer problematisch. Wenn unsere Figur unsicher ist, können sie sogar genau richtig eingesetzt sein. Im ersten Satz weiß die Figur, dass der Staubsauger kaputt ist, aber die Füllwörter „eigentlich“ und „wirklich“ bringen Zweifel in die Aussage.
Es muss also zusätzlich geprüft werden, was man genau aussagen möchte. In meinen eigenen Manuskripten finde ich oft Sätze, in denen ich eine Aussage abschwäche, obwohl es gar nicht nötig ist.
Zum Beispiel:
„Sie schien nervös zu sein“ oder „Sie war ein bisschen nervös“ ist stärker ohne diese Unsicherheit: „Sie war nervös.“
Diese Füllwörter nehmen der Aussage eher die Kraft, ohne etwas Wichtiges hinzuzufügen.
3. Show don’t tell
Das ist natürlich der Klassiker und taucht immer wieder auf, denn viele Autorinnen und Autoren empfinden Beschreibungen als schwierig. Sie erzählen lieber, als dass sie kurz innehalten und sich dem Show stellen. Show zu schreiben fällt uns oft schwerer, aber es ist nicht immer so kompliziert, wie es klingt. Um eine Geschichte jedoch lebendig zu machen, brauchen wir Umrisse, Atmosphäre und ausgewählte Details. Glaubt mir: Das danken euch die Lesenden am Ende, denn so können sie es sich in eurem Buch richtig bequem machen und werden eingeladen, zu bleiben.
Zum Beispiel:
Tell: „Das Haus war alt und unheimlich.“
Das ist ein klassisches Beispiel für Tell und nimmt uns nicht wirklich mit in die Geschichte.
Show: „Die Farbe blätterte von den Fensterrahmen, und eine lose Dachrinne klapperte bei jedem Windstoß gegen die Wand. Als Anna die Tür öffnete, schlug ihr der Geruch von feuchtem Holz entgegen.“
Die Frage ist also: Was macht ein Haus unheimlich? Was stellst du dir darunter vor?
Tell und Show brauchen beide ihren Platz in einem Manuskript. Tell kann Tempo erzeugen und Informationen schnell zusammenfassen. Denn würden wir jede Kleinigkeit zeigen, würde unser Text schnell ausufern.
Frage dich also: Wo braucht es Atmosphäre? Wo kann ich die Lesenden mit hineinziehen und wo ist Tempo gefragt? Wo kann ich zusammenfassen?
4. Zu viele Zustände statt Handlung
Hier sind mir vor allem einige häufige und statische Konstruktionen aufgefallen, besonders mit Verben wie „sein“ und „haben“. Sie sind nicht grundsätzlich falsch, können aber den Text ausbremsen, wenn ganze Absätze nur aus Zuständen bestehen.
Auch Passivsätze haben ihren Platz. Sie werden oft verwendet, wenn nicht die handelnde Person im Mittelpunkt steht, sondern das Ergebnis.
Passiv: Die Tür wurde geöffnet.
Aktiv: Anna öffnete die Tür.
Im ersten Satz ist wichtig, dass die Tür offen ist. Wer sie geöffnet hat, spielt keine Rolle. Im zweiten Satz rückt Anna als handelnde Person in den Mittelpunkt.
Oft bestehen auch ganze Absätze nur aus Zuständen: „Sie war ängstlich. Sie war nervös. Sie war sich sicher, dass etwas nicht stimmte.“
Natürlich sind solche Sätze nicht falsch. Aber manchmal lohnt sich die Frage: Kann ich diesen Zustand durch eine Handlung oder ein konkretes Detail sichtbar machen?
Aus: „Sie war ängstlich.“
wird vielleicht: „Ihre Hände zitterten. Sie drückte sich näher an die Wand und lauschte in die Dunkelheit.“
Die Lesenden erfahren nicht nur, was die Figur fühlt, sie erleben es mit ihr.
5. Infodump, Dosierung und Platzierung
Infodump entsteht oft durch Liebe zur eigenen Geschichte. Wenn wir ein Buch schreiben, entsteht in unserem Kopf eine ganze Welt. Wir entwickeln Figuren, ihre Vergangenheit, ihre Beziehungen und recherchieren oft sehr lange. Natürlich möchten wir diese ganzen Informationen auch mit unserer Leserschaft teilen. Wir möchten, dass sie unsere Welt verstehen und sich genauso gut darin zurechtfinden wie wir.
Aber: Nicht jede Information ist wichtig, und nicht jede Information muss sofort preisgegeben werden.
Stellt euch Informationen wie Gewürze vor: Sie geben einer Geschichte Geschmack, aber zu viel davon überdeckt alles andere. Manche Details dürfen erst später auftauchen, damit Spannung entsteht. Oft setzt sich eine Geschichte für die Leser wie ein Puzzle zusammen, und genau dieses Entdecken macht den Reiz aus.
Bei jeder Information lohnt sich deshalb die Frage: Warum müssen die Lesenden das genau jetzt wissen? Gibt es einen Grund, diese Information an dieser Stelle zu erzählen, oder würde sie später besser funktionieren?
Besonders häufig passiert Infodump am Anfang einer Geschichte. Schreibende möchten ihre Welt erklären, zum Beispiel die Regeln einer Fantasy-Welt, politische Strukturen, Familienverhältnisse oder die komplette Vorgeschichte einer Figur. Auch Recherchewissen über Orte, Berufe oder Gebäude kann schnell in den Text wandern.
Dieses Wissen ist nicht unwichtig, im Gegenteil. Es gehört zu deiner Geschichte. Aber es muss nicht gesammelt am Anfang auftauchen. Oft wirkt es stärker, wenn es nach und nach in die Handlung eingebaut wird.
Fazit
Man kann sich so viele Ratgeber durchlesen wie man will, man wird am Anfang Fehler machen und das ist völlig in Ordnung. Aber das ein oder andere schon mal gelesen oder gehört zu haben, macht uns aufmerksamer. Wir können ein paar Fallstricke umgehen, auch wenn manche wiederkehren. Bei jedem Buch werden sie weniger und wir verbessern unser Handwerk. Wir lernen dazu und können unser Schreiben weiterentwickeln. Und vielleicht findest du beim nächsten Überarbeiten nicht nur Fehler in deinem Text, sondern auch Stellen, an denen du merkst: Hier habe ich mich weiterentwickelt.
Für diese fünf Fallstricke kannst du dir merken:
- Nicht jede Bewegung muss ausformuliert werden
- Nicht jede Aussage abschwächen
- Verwende präzise Verben statt allgemeiner Formulierungen
- Emotionen zeigen, nicht benennen
- Nicht alles erklären, gibt deinen Lesern Zeit zum entdecken
Wenn ich dir dabei helfen soll, schau dich doch gerne auf meiner Lektoratsseite um, wir finden zusammen, das Passende für dich und dein Herzensprojekt.